Sommertheater um den Mythos Réduit

Kader-Apell in der Festung Fürigen.      (Bild SF) Kader-Apell in der Festung Fürigen. (Bild SF)

Eine Fernseh-Dokusoap erregt die Schweiz: Während drei Wochen liess das Schweizer Fernsehen in der Serie "Alpenfestung - Leben im Réduit" die Zeit im Zweiten Weltkrieg nachspielen. 25 Männer zogen dazu am 27. Juli in die Artilleriefestung Fürigen im nidwaldnerischen Stansstad ein. Während die Männer unter der Erde, im Bunker, den Tagesbefehl ausführten, Schuhe und Gewehre putzten, führten auf einem Hof in Emmettten drei Frauen und fünf Kinder vor laufenden Kameras eine Neuauflage der "Anbauschlacht" auf.

 

Mit dem "Living-History-Projekt" wagte sich das Schweizer Fernsehen auf ein heikles Terrain vor. Die Sendung sorgte für heftige Diskussionen und tagelang für Schlagzeilen - weit über die Grenzen hinaus. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete die Sendung als "Dschungelcamp in den Schweizer Alpen" und attestierte dem Schweizer Fernsehen, dass man "so viel Natürlichkeit und unverstellte Naivität" auf dem Sender schon lange nicht mehr gesehen habe. Die Welt schrieb von "Weltkrieg in den Alpen als Schweizer Dschungelcamp". Nicht weniger spöttisch tönte es bei der  NZZamSonntag: "Der Zweite Weltkrieg als Pfadiübung".

 

Während die Neue Luzerner Zeitung in ihrem Kommentar zum Schluss kam, dass "weder für die Beteiligten noch für die Zuschauer die Sendung ein echtes Nachempfinden der damaligen Zeit ermöglichen wird", forderte der Zürcher Tages-Anzeiger: "Rettet uns vor dem Réduit" und fragt sich: "Hat das Schweizer Fernsehen nicht mitbekommen, dass sich in den letzten zwanzig Jahren das Schweizer Geschichtsverständnis gewandelt hat?"

Die NZZ warf dem Schweizer Fernsehen vor, dass es sich um die Würde der Aktivdienstgeneration foutiert. "Es ist für diese schlicht beleidigend, dass das bizarre Bunkerspektakel mit ihren Erfahrungen, mit dem geleisteten Dienst für die Landesverteidigung und dem täglichen Überlebenskampf, in eins gesetzt wird."

 

Für manchen Historiker wurde die Sendung zum Albtraum. Beispielsweise für Aram Mattioli. Er polterte im Interview mit dem Tages-Anzeiger: "Die Sendung ist oberflächlich und belanglos. (...) Indem es den Krieg auf Probleme mit Uniformknöpfen und Rasierklingen reduziert, verhöhnt das Schweizer Fernsehen die Opfer des Krieges." Dies sah auch der Israelitische Gemeindebund so: Das Schicksal von zurückgewiesenen jüdischen Flüchtlingen dürfe nicht vergessen werden, mahnte er. Und die Gruppe Schweiz ohne Armee zeigte sich entsetzt, dass "der Réduit-Mythos durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen wieder belebt wird".

 

Ganz andere Töne schlug die ansonsten sehr Fernseh-kritische Weltwoche an. Die Dokusoap lanciere eine interessante Diskussion, fand sie.

 

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schüttelt ob all der Polemik den Kopf. Für sie steht fest: "Dieses ganz Remake des Réduit ist so weltfremd und unhistorisch, dass sich eigentlich jede Diskussion und Aufregung erübrigen."

 

 

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